Warum Latein?

Die ausführliche Version des Info-Blatts "Warum Latein" kann man sich als PDF-Datei herunterladen.

Vorbemerkungen

Die Möglichkeit, Latein zu wählen, steht in Zusammenhang mit der Wahl der zweiten Fremdsprache, stellt aber doch etwas Besonderes dar. Denn: Latein ist eine Sprache, die in der Regel niemand brauchen kann, um sich im Urlaub in einem fremdsprachigen Land z.B. eine Fahrkarte zu kaufen oder etwas zu essen zu bestellen. Auch im Wirtschaftsleben pflegt vermutlich keine Firma auf der Welt ihre Geschäftsbeziehungen auf Latein.

Latein wird also (außer in Liebhaberkreisen, in manchen Abteilungen im Vatikan und – in einfacher und vergnüglicher Weise - in manchen Klassen am Carl-Orff-Gymnasium!) nirgends mehr gesprochen.
Und doch haben die, die (aus welchen persönlichen Motiven auch immer) triumphierend und von sich und ihrer scheinbar ach so modernen Meinung überzeugt von Latein als der „toten Sprache“ daherreden, eben nicht Recht. Und die Zahlen zeigen, dass viele nicht dieser Meinung sind: Seit Jahren erfreut sich Latein an den Gymnasien in Bayern großer Nachfrage!
Es gilt also: „Latein ist tot! Es lebe Latein!“

Denn: Wählt Ihr Kind Latein, so begibt es sich auf Entdeckungsreise in ferne und nahe Bildungslandschaften. Denn darin liegt der Grund, warum man heute Latein lernt: Die heutige Welt Europas zu erkunden, indem man erfährt:

  • Was das eigentlich ist: Sprache, wie sie funktioniert, wie die Mutter Latein ihre vielen Kinder zur Welt gebracht hat, das Italienische, Französische, Rumänische, Portugiesische und Spanische, wie sie erwachsen und schließlich selbständig wurden.
  • Dass es sehr hilfreich für das Erlernen all dieser anderen Sprachen ist, wenn man Latein als Basissprache gelernt hat.
  • Dass 60% des englischen Wortschatzes sich vom Lateinischen herleiten.
  • Dass man die Bedeutungen von Fremdwörtern im Deutschen erst versteht, wenn man deren Sprachgeschichte kennt.
  • Dass die Deutschkenntnisse besser werden, wenn man ernsthaft Latein lernt.
  • Wie über die Sprache das Denken und die Wissenschaften geformt wurden und werden und wie schließlich Europa als gemeinsamer Kulturraum auf dem Boden des Römischen Reiches entstand.
Merke:
  1. Latein ist Sprach-, Literatur- und Kulturfach!
  2. Auch wenn in einfacher Weise Latein-Sprechen versucht wird: Die Unterrichtssprache ist Deutsch!

Übrigens: Das Lesen, Aussprechen und Schreiben lateinischer Wörter ist völlig problemlos, denn Latein wird so geschrieben, wie es gesprochen wird.

Worum geht es nun konkret im Lateinunterricht?

Damit Sie eine sachlich begründete Entscheidung bezüglich der Sprachwahl treffen können, sollen Ihnen im Folgenden einige Informationen zum Fach Latein als Hilfe zur eigenen Entscheidungsfindung gegeben werden.
Für ausführlichere Informationen zum Wert des Latein-Lernens lesen Sie bitte nach bei: Altphilologenverband.

Latein als Vermittlung sprachlich-kultureller Allgemeinbildung

Am COG wird in der Sprachlernphase (Jgst.6 - 8) das Lehrbuch prima, Ausgabe B verwendet.
Ein Blick in dieses moderne Lateinbuch zeigt das Selbstverständnis des Faches Latein als Sprach-, Literatur- und Kulturfach>: Es geht nicht darum, irgendeine „alte/tote“ Sprache zu lernen, sondern es geht um sprachlich-kulturelle Allgemeinbildung> bezogen auf europäisches Selbstverständnis.
Im Schulfach Latein geht es sowohl bereits im Sprachunterricht wie auch im daran anschließenden Lektüreunterricht in besonderer Weise u.a. um folgende Themen und Sachbereiche:

  1. Sprachunterricht: Im Zentrum steht das Erlernen der Sprache, also Grammatik und Wortschatz. Latein ist dabei ein Lesefach. Es geht um genaues, „mikroskopisches“ Lesen von Texten. Dabei wird die Fähigkeit zur Sprachreflexion geschult, also der Frage nachgegangen: wie funktioniert Sprache?
  2. Deutsche Sprachkompetenz: Jede Lateinstunde ist zugleich eine Deutschstunde.
  3. Sicherheit beim Verstehen und Anwenden von Fremdwörtern.
  4. Latein schafft Grundlagen für das Erlernen moderner europäischer Kommunikationssprachen.
  5. Literaturunterricht: Bereits die Inhalte der Sprachlehrbücher vermitteln ein Verständnis für Formen und Inhalte europäischer Literatur (z.B. Epos, Roman, Tragödie, Epigramm), das dann im Lektüreunterricht erweitert und vertieft wird (gelesen werden z.B. Ovid, Catull, Martial, Plinius, Cicero, Sallust, Seneca). Auch zeitgenössische Autoren wie z.B. Umberto Eco, Christoph Ransmayr oder Durs Grünbein setzen beim Leser eine fundierte an der Antike geschulte Allgemeinbildung voraus.
  6. Geschichte: Der Lateinunterricht vermittelt ein Verständnis für die Grundlagen europäischer Geschichte. Aber auch die Lektüre mittelalterlicher Texte zur bayer. Landesgeschichte wie z.B. der sog. „Stadtgründungs-Urkunde“ Münchens („Augsburger Schied“) ist im Lateinunterricht als Lektüre-Möglichkeit vorgesehen.
  7. Philosophie: Europäisches philosophisches Denken beruht bis in die Gegenwart auf den philosophischen Entdeckungen der Antike. Der Lateinunterricht vermittelt grundlegende Themen und Fragestellungen europäischer Philosophie und leistet so einen entscheidenden Beitrag für die Fähigkeit philosophische Texte inhaltlich erfassen zu können. Auch die Lektüre von lateinischen Texten neuzeitlicher Philosophen wie z.B. von Th. Hobbes (Leviathan) oder Naturwissenschaftler wie z.B. N. Kopernikus ist vorgesehen.
  8. Politik: Grundfragen politischer Bildung stellen ein fast durchgängiges Thema im Lateinunterricht dar. Gerade auch die Lektüre der Texte des oft geschmähten Caesar schulen die Fähigkeit, den Textstrategien eines Machtpolitikers und seinen mit Hilfe von Wortschatz und Grammatik bewerkstelligten Manipulationen und Verschleierungen auf die Spur zu kommen. Das Thema Rhetorik wird darüber hinaus noch besonders am Beispiel einer Cicero-Rede erarbeitet.
  9. Theater: Europäisches Theater hat seine Anfänge und Grundlagen in der Antike. Der Lateinunterricht vermittelt die Kenntnis zentraler Formen und Stoffe des Theaters (z.B.: Ödipus, Antigone, Phädra). Ein Blick auf die Spielpläne unserer Theater zeigt, dass Kenntnisse aus dem Bereich des antiken Dramas zum Allgemeinwissen jedes gebildeten Europäers gehören.
  10. Mythologie: Die Kenntnis antiker Götter und mythischer Gestalten wie Phaethon (nicht nur wegen eines Automobils!), Echo, Narziss, Pygmalion (→ „My fair lady“), Pyramus und Thisbe (→ „Romeo und Julia“), Orpheus und Eurydike, Dädalus und Ikarus, Europa, Odysseus, Achill, Aeneas ... ist für das Verständnis europäischer Literatur, Malerei und Musik unverzichtbar. Gerade hier droht in unserer Gesellschaft ein zunehmender kultureller Analphabetismus.
  11. Christentum: Da das Christentum in seiner lateinischen Tradition prägend für Europa ist, nimmt es im Lateinunterricht einen festen Platz ein (gelesen werden z.B. Texte aus der Vulgata und der Legenda aurea).
  12. Malerei: Europäische Bildtradition ist ohne Kenntnis antiker Inhalte nicht zu verstehen.
  13. Musik: Hier sei auf die Tradition geistlicher Musik (z.B. Orchestermessen), auf die in vielen Opern aufgegriffenen antiken Stoffe sowie auf die Carmina Burana oder auch die Catulli Carmina und ihre Vertonung durch Carl Orff hingewiesen.

Latein als Voraussetzung für ein Studium?

Grundsätzlich gilt: wer Latein und zwei moderne Kommunikationssprachen gelernt hat (also am COG die Sprachenfolge: Englisch, Latein, Spanisch/Französisch wählt) braucht sich um etwaige Studien- und Prüfungsbedingungen keine Sorgen zu machen.

Hinsichtlich der Frage, ob und für welche Studiengänge Lateinkenntnisse Voraussetzung sind, schreibt der Deutsche Altphilologenverband auf seiner Homepage:

„Da die Latinumsvoraussetzungen für bestimmte Studiengänge sich ständig ändern und von Bundesland zu Bundesland und teilweise von Universität zu Universität verschieden sind, können keine zuverlässigen Aussagen mehr gemacht werden.
Informieren Sie sich über die Homepages der jeweiligen Fächer an den Universitäten, für die Sie sich interessieren. Dort müssten die Studienvoraussetzungen angegeben sein.“

Für detaillierte und aktuelle Informationen zu den Studienbedingungen in den einzelnen Studienfächern an der Ludwig-Maximilians-Universität München wenden Sie sich bitte an: Uni-München
Dort: → „Studium A-Z“ → „L“ → „Lateinkenntnisse“

Zum Thema „Studierfähigkeit“:
Eine universitäre Forschungsstudie, in der dokumentiert ist, welche Vorteile Studenten, die an der Schule Latein gelernt haben, hinsichtlich der Studierfähigkeit haben, ist veröffentlicht in:
W.D.Lebek (Hrsg.), Was nützt Latein? Fakten und Forschungen zu Latein, Deutsch und anderen Sprachen. Bamberg 2005 (C.C.Buchner-Verlag; Reihe: „Auxilia“).

Welche Anforderungen stellt Latein als Schulfach des achtjährigen Gymnasiums?

Durchschnittlich (!) müssen ca.5-6 Wörter pro Lateinstunde gelernt werden. Die Grammatik wurde auf die für die Schullektüre notwendigen Phänomene hin überprüft und „verschlankt“. Pro Jahrgangsstufe umfasst ein Lehrbuch ca. 22 Kapitel, so dass für die Bewältigung eines Kapitels ca. 5-6 Wochenstunden zur Verfügung stehen

Und wer darf sich angesprochen fühlen, Latein zu wählen?

Ganz einfach: Zunächst jeder, der das Profil eines Gymnasialschülers erfüllt. Und dieses Profil beschreibt das Bayerische Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst im Lehrplan für das Gymnasium, 1 Das Gymnasium in Bayern, 1.1 Profil und Anspruch des bayerischen Gymnasiums, Absatz (2) unter dem Begriff „Schülerpotential“ so:

"Das Gymnasium sieht seine Aufgabe darin, alle Schüler Schülerpotentialgezielt zu fördern, die sich aufgrund ihrer Begabung, ihrer Einsatzfreude, ihres Leistungsvermögens und ihrer Leistungsbereitschaft für ein Studium und für herausgehobene berufliche Aufgaben eignen.
Schüler des Gymnasiums sollen geistig besonders beweglich und phantasievoll sein, gern und schnell, zielstrebig und differenziert lernen sowie über ein gutes Gedächtnis verfügen. Sie müssen die Bereitschaft mitbringen, sich ausdauernd und unter verschiedenen Blickwinkeln mit Denk- und Gestaltungsaufgaben auseinanderzusetzen und dabei zunehmend die Fähigkeit zu Abstraktion und flexiblem Denken, zu eigenständiger Problemlösung und zur zielgerichteten Zusammenarbeit in der Gruppe entwickeln."