Der Sandmann
Frau Kommissar erhängt und überall grinsend winkende Sandmänner ...
In seinem Schlussbild der Adaption von E.T.A. Hoffmanns "Sandmann" zeigte der Grundkurs "Dramatisches Gestalten" des Carl-Orff-Gymnasiums nochmals all das, womit er das Publikum 70 Minuten lang unterhalten, entsetzt und begeistert hatte: Bilder wie Gemälde als persiflierte Sehgewohnheiten der Fernsehgesellschaft und eine Geschichte zwischen Realität und Wahnsinn - so eben wie im "romantischen" Original, denn E.T.A. Hoffmann hatte "seinen Sandmann" einer Sammlung von "Nachtstücken" zugeordnet, in denen es um die Schattenseiten des Menschen geht. Alles Wesentliche dieser Erzählungen hat ein Doppelgesicht. Die Zwiespältigkeit der Personen lässt die Geschichten oft unheimlich wirken. Fiktion und Wirklichkeit gehen ineinander über.
Eng am Original angelehnt, aber modern gewendet präsentierte der Grundkurs eine spritzige Szenenfolge, erzählte Hoffmanns Geschichte um den wirren Nathanael nach, der in seiner Jugend den Sandmann als grausames Ammenmärchen serviert bekommt und ihn schließlich mit einem realen Bekannten seines Vaters identifiziert, seine Ängste und Gefühlsexplosionen ecken in seiner engeren Umgebung an, Nathanael verliebt sich schließlich in eine Maschine namens Olimpia und kommt zu Tode.
Dabei blieben die 23 SchülerInnen aber nicht stehen: So nahmen sie jede Möglichkeit der Aktualisierung des romantischen Stoffs wahr und ließen etwa die Selbstverliebtheit des Er-bauers von Olimpia konsequent in die Frage münden: "Ob Mensch oder Maschine, wer kann das noch so genau unterscheiden? Eines Tages wird man offiziell zu attestieren haben, dass das, was wir Wirklichkeit getauft haben, eine noch größere Illusion ist als die Welt des Trau-mes."
Die Darbietung als Krimi im Stile eines Tatorts, mit filmischen Einblendungen, stimmungslei-tender Musik und skurrilen Verhörmethoden griff Hoffmanns Stil bühnenwirksam auf: So wendet sich in Verhören, Einblendungen und Rückblenden ständig die Erzählperspektive und die temporeiche Darbietung mit teilweise parallelen Handlungen und synchronen Sprechern informiert, verwirrt und erschlägt den Zuschauer zugleich.
Ein lang anhaltender Schlussapplaus und vier ausverkaufte Vorstellungen mit über 500 Zuschauern waren schließlich der Lohn für die viele Mühe, die der Leiter Michael Blum mit seinen SchülerInnen in den letzten sieben Monaten in dieses Stück investiert hatten. Der Kurs hat nun die Hoffnung, sein Stück im Juli auf den Theatertagen der bayerischen Gymnasien in Deggendorf nochmals präsentieren zu dürfen.
Presseberichte:
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GiB, Okt. 09: Theatertage bayerischer Gymnasien in Deggendorf |
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SZ, 09.04.09: Fließende Grenzen zwischen Realität und Wahnsinn Unterschleißheimer Schüler verwandeln E.T.A. Hoffmanns "Sandmann" in einen zeitgenössischen Krimi |