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Der gute Mensch in Unterschleißheim

Grundkurs Drama interpretiert die Sezuan-Parabel von Bertolt Brecht

Drei Götter sind auf die Erde, genauer: nach Unterschleißheim, gekommen, um nach guten Menschen zu suchen. Aber weder bei den Bewohnern der Stadionstraße (ein herrlicher Film zum Auftakt) noch beim Publikum im Gleis 1 haben die Götter eine Chance. Die Zuschauer sollten eigens dafür Kärtchen mit ihren besten Ausreden ("Der Herr Berg ist an allem schuld") abgeben und waren so von Anfang an mitbeteiligt am Spiel des Grundkurses. Auch die weiteren Szenen lassen keine Passivität zu: Da müssen Zuschauer die Emotionswechsel der Shen Te beschleunigen, Dialoge ins Chinesische setzen lassen oder am Schluss im Sinne des Schillerschen Richterstuhles entscheiden, welche Figuren hingerichtet werden und wie – gevierteilt oder doch lieber mit Heuballen erschlagen?

Der gute Mensch von Sezuan

Von den Akteuren, die das Rollenverständnis Brechts gut verinnerlicht haben und in der ersten von fünf Aufführungen innerhalb von drei Tagen textsicher und spritzig wirken, erfordern solche Improvisationseinlagen viel Mut und Kreativität. Und sie sind im Sinne Brechts ein guter Verfremdungseffekt zum dargestellten Konflikt der Shen Te: Sie ist die einzige, die den Göttern half, und wird dafür mit Geld belohnt, von dem sie einen Tabakladen einrichtet. Weil sie aber zu "gut" zu allen Menschen ist, kann sie selbst kaum "leben" und verwandelt sich in den strengen "Shui Ta". Am Ende sind die Götter froh, in Shen Te, die das Rollenspiel aufgibt, den "guten Menschen" gefunden zu haben, aber auf der Welt geht es trotzdem niemandem besser.

Hier jedoch verlässt der Grundkurs das Parabolische der Vorlage – gegen wen sich die Kritik richtet, wird klar ausgesprochen: Kapitalisten, Kriegführende, Joghurthersteller. Oder aber gegen jede einzelne der Figuren: den Schreiner, der eigentlich die Regenwälder abholzt, den egoistischen Flieger Yang Sun oder sogar gegen die Götter selbst. Diese sind als Clowns noch deutlich machtloser und lächerlicher dargestellt als bei Brecht.

Und auch die zuvor geäußerte Kritik an der Gesellschaft, am Kapitalismus und an so manchem anderen wird am Ende ironisch gebrochen, wenn im Abspann darauf hingewiesen wird, dass selbst für die Stifte, mit denen der Zuschauer die Ausreden notiert hat, Bäume des tropischen Regenwaldes gefällt werden mussten.

Und so bleibt am Ende hauptsächlich die Frage offen, ob man nachdenklich sein muss wegen der Ungerechtigkeit der Welt oder einfach begeistert nach Hause gehen darf von einer lebendigen und abwechslungsreichen Inszenierung.

Autor: Michael W. Müller, K13
Homepagemitarbeiter: Alexander Kammerer
15.08.2011